kreativ-chemnitz

Streckenverlauf

Die Entfernung von St. Jean Pied de Port nach Santiago de Compostella beträgt etwa 800 km.

Camino frances 2009 / 2010

Ich ging die Strecke im Winter, vom 18.12.2009 - 15.01.2010. Im Sommer ist es mir zu überlaufen da. Eine aktuelle Herbergsübersicht mit Öffnungszeiten ist hier angebracht, nicht alle Herbergen hatten auf, manche hatten private Feiern (über Weihnachten) und man mußte nachmittags deswegen noch paar km ranhängen zur nächsten Unterkunft.

Anreise, Tag 1 und 2

Von Chemnitz bis Saint-Jean-Pied-de-Port

Ich hatte mich entschlossen, die absehbar nervige Anreise per Zug zu machen. So ging es denn auch am 18.12.09 von Chemnitz Hbf zunächst Richtung Stuttgart. Da gibts auch nix Interessantes zu berichten. Lustig ist vielleicht, dass auf manchen Bahnsteigen neuerdings mit breiten gelben Linien eingegrenzte 2 mal 2 Meter Bereiche für Raucher eingerichtet wurden. So wie sich der Zigarettenqualm schlecht an diese Begrenzung halten wollte, so unmöglich war es uns Rauchern. Was kranke Beamtenhirne so hervorbringen, naja ...

Irgendwann ging es dann von Stuttgart per TGV Richtung Paris. Ich kam mir armselig vor, alle außer mir waren voll beschäftigt mit ihren Notebooks und mobilen Geräten, hatten unheimlich wichtige Gespräche zu führen, wenn man die sehr ernsten Gesichter und energischen Tonfälle derartig interpretieren konnte. Am späten Nachmittag kam ich am Gare de l'Est in Paris an. Chaotisch auf diesem Bahnhof, angefangen bei den Menschenmassen, die sich durch den Bahnhof wälzten, aber auch was die Orientierung hier betraf. Unsicherheiten in der Mimik werden hier sofort erkannt, man hatte Leute an der Backe, die um Kippen bzw. Geld bettelten oder einem falsche Metrokarten andrehen wollten, da an den Automaten oder Schaltern lange Schlangen standen. Nach einiger Hilflosigkeit, welche auch auf mangelnde Französischkenntnisse zurückzuführen war, fand ich die Metro und es ging Richtung Gare d'Austerlitz.

Neben einer Schweinekälte erwartete mich hier eine Baustelle von Bahnhof. Alle Türen standen offen, überall waren Bereiche abgezäunt, das einzige Cafe, oder wie man diese Einrichtung nennen soll, war überfüllt und unbequem. Aber was zum Essen und nen Cafe brauchte ich mittlerweile, die Anfahrt nervte langsam. Hier mußte ich jetzt 8 Stunden warten auf den Zug nach Bayonne. Aufgrund der Kälte und dem Wind in diesem Gebäude zog ich es vor, ein bischen durch Paris zu laufen. Die Seine liegt neben dem Bahnhof und ich schaute mir die Kähne an, die dort ankerten. Unter den Brücken hatten Penner ihre Zelte aufgebaut, sie schliefen schon, manche schauten raus und qualmten. Ich überlegte mir, wie gut ich es doch habe und ob diese Leute je wieder aus diesem Leben entkommen würden. Im Pendeln zwischen Spaziergängen und dem Kaffeeautomaten brachte ich meine 8 Stunden Aufenthalt rum, doch mittlerweile war, wie ich später erfuhr, der ganze Zugverkehr um Paris zusammengebrochen. Zig Bedienstete gaben Auskunft über Verspätungen, nach der Anzeigetafel konnte man sich gar nicht mehr orientieren. Ich wurde nervös und rannte zu jedem Zug, der den Bahnhof verließ. Das Spielchen wiederholte sich bis in die späte Nacht, irgendwann jedenfalls fand ich den richtigen Zug. Er war mehrgeteilt, der Zug wurde unterwegs abgekoppelt, für manche ging es nach Irun, für andere nach Bayonne, was die Suche nach dem richtigen Zug auch nicht erleichtert hatte. Jedenfalls fiel ich auf meinen reservierten Schlafsessel und während der Fahrt durch die Nacht waren ab und an sogar kleine Nickerchen möglich.

Sehr früh am nächsten Morgen kam ich in Bayonne an. Nach nem ordentlichen Cappuchino in dem schönen Cafe erkundigte ich mich nach dem Abfahrtsort des Busses nach Saint-Jean-Pied-de-Port. Links vorm Bahnhof war die Antwort, nachdem ich dann aber eine Stunde nach der regulären Abfahrtszeit immer noch umsonst stand, wurde mir bewußt, ich hätte genauer fragen sollen. Damit hatte ich weitere 4 Stunden Aufenthalt und bummelte durch Bayonne. Die Stadt besitzt eine sehr schöne Kathedrale und einen lebhaften Markt. In einem der gemütlichen Cafe's gönnte ich mir ein Frühstück, sogar die Sonne ließ sich an diesem Tag sporadisch blicken. Den nächsten Bus erwischte ich dann und nach den verschiedensten privaten Erledigungen des Busfahrers, kam ich endlich in Saint-Jean-Pied-de-Port an.

St. Jean liegt herrlich am Fuß der Pyrenäen, die Herberge war in dem kleinen Ort schnell gefunden. Die Hospitaleros, ein Mann und eine Frau, waren sehr nett und mit meinem Englisch kam ich gut hin. Ich erhielt meinen ersten Stempel in den Credencial und gegen eine Spende die Jakobsmuschel. Die örtlichkeit war warm und gemütlich, sogar freies Internet gab es. Nach dem Check-In ging ich spazieren, eine schöne Zitadelle verlangte nach ersten Fotos. Vom Warmlaufen zurückgekehrt, war Gretel (belg. Griet), eine Belgierin, gerade am Auspacken.

Sie sprach fließend Französisch und Englisch. Wir einigten uns auf Letzteres. Sie war in Lourdes gestartet und schon eine Woche unterwegs. Meist hatte sie bei Privatleuten übernachtet, sie war der Typ Mensch, freundlich und offen, den fremde Menschen ohne weiteres einlassen würden. Mein Ding wäre das nicht gewesen, ich versuche immer unabhängig von anderen zu agieren. Wir aßen zusammen ihre Eßkastanien und erzählten uns von unseren Motivationen und Erwartungen auf dieser Pilgertour. Sie wollte privat wie beruflich ihr weiteres Leben überdenken. Gegen Abend kochte Gretel, ich konnte nur das Abwaschen beisteuern und währenddessen fanden sich zwei weitere Pilger ein.

Ramon, ein sehr mitteilungsbedürftiger Spanier aus Barcelona und Clay, ein Ami. Ich dachte, mein Englisch wäre halbwegs gut, aber Clay's american english verstand ich kaum. Er kam aus Atlanta, Coca-Cola-City, und studierte in Madrid Spanisch. Er wollte später mal amerikanischen Touristen organisierte Pilgertouren anbieten und notierte sich fleißig alles auf seiner Tour. Ramon war vielsprachig unterwegs, sein Hobby war Hiking, ich sollte es am nächsten Tag zu spüren bekommen. Er verbrachte einen Teil seines Urlaubs am Camino, mit allen Lastern, er trank ordentlich und abends wurde gekifft. Clay und Ramon unterhielten sich spanisch, Gretel und Ramon französisch, nur wenn die drei paar Worte in Englisch wechselten, konnte ich mich mit einklinken. Schon hier bekam ich meine kulturellen Grenzen gezeigt, ich nahm mir vor als nächstes Spanisch zu lernen. Wir verbrachten jedenfalls einen lustigen Abend zusammen und erfuhren, dass die normale Route über die Pyrenäen gesperrt war. Zu gefährlich bei dem Wetter, allerdings meinte Ramon, der den Camino schon etliche Male gelaufen war, er würde trotzdem gehen. Uns würde er nur mitnehmen, wenn wir schnell laufen könnten. Wir garantierten das ohne zu wissen, was wir tun. Nur Clay mit seinen Turnschuhen sollte besser die Umgehungsroute laufen.

Es war meine erste Nacht in einer Herberge und so hatte ich einige Schwierigkeiten mich an geschlossene Fenster, schnarchende Mitbewohner und den einengenden Schlafsack zu gewöhnen. Aber irgendwie fiel ich nach der nervenden Anreise dann doch in den Schlaf.

Tag 3

Saint-Jean-Pied-de-Port - Roncesvalles

Nach einem eher dürftigen Frühstück ging es auf die erste Etappe. Die Pilgerherbergen müssen überall bis 8 Uhr verlassen werden. Es war noch dämmrig und der Weg war schnell gefunden. Nach St. Jean geht es sofort bergauf, zunächst langsam. Die Stimmung war gut und die Sonne zeigte sich mehr und mehr. Es wurde immer steiler und der Schneepegel stieg. Von einer Art Weg war bald nix mehr zu sehen und wir stapften durch kniehohen Schnee. Ramon machte wenig Pausen, er meinte, das Wetter wechselt hier sehr schnell, wir sollten das gute Wetter ausnutzen. Zwischendurch erzählte Ramon von seinen Erlebnissen, er war viel rumgekommen. Nur die Geschichten von Wölfen und Bären in den Pyrenäen hätte er weglassen sollen, ich drehte mich danach nur noch um, ob uns was verfolgte. Aber bis auf paar riesige Adler oder Geier sah ich nur freilaufende Pferde. Sie würden was zu Fressen finden in dem Schnee, meinte Ramon auf meinen fragenden Blick hin. Und die Geier würden nur auf ein leckeres "german meal" warten. Naja, mich gibt's hier nicht :)

Weiter oben trafen wir einen Wanderer, ein Einheimischer, der uns noch Tipps gab. Sonst war hier nix Lebendiges mehr. Der Schnee wurde mehr und mehr, die Sonne schien grell und die Kulisse war gigantisch. Allerdings wurde das Laufen immer beschwerlicher und es gab erste Auseinandersetzungen zwischen Gretel und Ramon. Gretel wollte mehr Pausen und nicht so schnell laufen. Details blieben mir erspart aufgrund meines mangelndem Französischverständnisses. Ramon lief wirklich sehr zügig, aber zu sehr kurzen Rauchpausen liess er sich überreden. Gegen Mittag konnten wir sogar ne kurze Essenspause rausschlagen, ca. 10 Minuten. Mehr war nicht drin, obwohl wir zeitlich sehr gut lagen, er hatte Angst vor dem Wetterumschwung. Und er hatte Recht, innerhalb kürzester Zeit am Nachmittag zog sich der Himmel zu und es begann ein Schneesturm vom Feinsten. Aber wir waren schon in der Nähe einer Hütte und hatten hier eine halbe Stunde Zwangspause.

Danach kam die Sonne wieder raus als wäre nichts geschehen. Mittlerweile war von einem Weg gar nichts mehr zu sehen, es ging quer über Felsen auf den Gipfel. Ramon zeigte in den Schnee und meinte "spanish border". Aha, wir waren in Spanien, ohne Führer wäre der Weg heute nicht zu finden gewesen. Es ging dann noch eine Weile waldgeschützt auf dem Gipfel entlang, aber kurz vor dem steilen Abstieg erwischte uns ein weiterer heftiger Schneesturm. Von jetzt an ging es steil bergab, nicht viel besser zu laufen, man mußte genau schauen, wo man hintrat. Im Tal war nach dem Sturm schon Roncesvalles (Roncevaux) zu sehen. Ramon, der nationalistische Baske, bestand auf dem baskischen Namen Orreaga. Wie auch immer, endlich unten, wartete ein riesiges Kloster auf uns. Nach dem Zahlen und Stempeln bezogen wir die ungemütliche Herberge. Die Preise für die Herbergen bewegten sich auf dem ganzen Weg zwischen 3 € und 10 €, sehr günstig also.

Allerdings variierten die Qualität der Herbergen in höherem Maße. Die hier war eine der Schlechteren. Es war kalt, düster und eng in der Klosterherberge. Es gab nur eine Dusche und das Duschwasser war lauwarm. Nachdem wir freie Trockenplätze für unsere durchnäßten Klamotten gefunden hatten und das Duschprozedere vorüber war, gingen wir in das einzige Lokal in der Nähe. Die Küche hatte noch zu, so dass wir uns dem Betrinken hingaben. Es war wieder sehr lustig mit der Truppe, Clay war mittlerweile eingetroffen von seiner Umgehungsroute.

Ramon lernte mir ein spanisches Grundvokabular, um mir wenigstens die Getränke bestellen zu können. Nach paar Stunden gab's "pilgrims menu" mit drei Gängen. War ganz ordentlich. Pilgermenüs gab es in allen größeren Bar's und Herbergen. Der Preis belief sich meist um die 10 € und es war oft reichlich und gut. Nach dem Dinieren ging es aber gleich ins Nest, die anstrengende erste Tour forderte ihren Tribut. Nachts hatte ich Oberschenkelkrämpfe, mir gänzlich unbekannt bisher, aber brutal. Aber der benötigte Schlaf fand sich irgendwann ein.

Strecke heute: ca. 27 km, anstrengend, aber sehr schön

Tag 4

Roncesvalles - Larrasoana

Ich hab heute keine Fotos gemacht, diese Fotos sind von Clay. Meine alte Kamera speichert nur 100 Bilder und ich habe es am ersten Tag übertrieben mit der Knipserei. Hab auch entschieden nur noch landschaftliche Eindrücke und Menschen zu verewigen. Für architektonische Glanzleistungen find ich bessere Bilder anderswo.

Ramon war heute früh schon eine Stunde vor allen anderen weg. Clay und Gretel nahmen sich vor gemeinsam nach Larrasoana pilgern. Und ich wollte heute allein laufen, um langsam ein Gefühl dafür zu bekommen. Wir frühstückten noch gemeinsam in dem Lokal, ich brach dann aber eher auf als die Beiden. Auf einem Schild stand "Santiago 790 km", ich dachte kurz nach, ob ich noch richtig tickte, sagte mir dann aber: "Denk nicht, lauf los". Das tat ich dann auch mehrere Stunden lang. Es ging lange leicht bergab durch eine schön verschneite Landschaft. In Espinal gab es leichte Orientierungsschwierigkeiten, aber der Weg war, dank der guten Markierung, leicht wiederzufinden. Zudem gab es nur Spuren einer Person vor mir, von Ramon, und der verlief sich nur mit geringer Wahrscheinlichkeit. Unterbrochen von kurzen Trink- oder Rauchpausen erreichte ich dann irgendwann nach dem Mittag Zubiri. Bei einer häßlichen Fabrik verlief ich mich nochmals und auf einem meiner Umwege kam mir Ramon entgegen.

Ich hatte mich schon gewundert, da seine Spuren irgendwann verschwunden waren. Er hatte unterwegs ausgiebig Mittag gemacht, an seiner "Fahne" erfaßte ich sofort, dass wieder einiger Sprechdurchfall auf mich zukommen würde. Aber sein spanish-english verstand ich gut und derartig verging die letzte Stunde bis Larrasoana wie im Fluge. Mittlerweile merkte ich jedoch wie mir die Knochen schmerzten. Es ging langsam los, die physische Tortur, wie man das erste Drittel des Weges gern nennt. Der Rücken tat weh, trotz meines sehr kleinen Rucksacks, die Füße drückten und erste Blasen machten sich bemerkbar. In Larrasoana angekommen, einem kleinen Ort, fanden wir die Herberge offen und leer, keine Menschenseele war hier. Es war eiskalt in dem kleinen Raum. Klappernd begaben wir uns unter die Dusche, naja, wenigsten heißes Wasser zum Aufwärmen war da. Nur die Klamotten werden hier nicht trocken, einmal Wechselwäsche hätte ich ja. Eine Stunde später fanden sich auch Clay und Gretel hier ein.

Kein Zufall, daß man sich im Winter immer wiedertrifft. Sehr wenig Herbergen bleiben in der Jahreszeit zur Auswahl. Nachdem wir uns eingerichtet hatten, gab es die nächste Herausforderung: in dem Nest was Essbares aufzutreiben. Einkaufsmöglichkeiten gab es hier nicht und Bar's oder ähnliches waren nicht in Sichtweite. Nach einigem Fragen verwies man uns an eine Art Shop, welcher Markt und Cafe in einem war. Widerwillig öffnete uns eine ältere Dame und nach einigem Hickhack auf spanisch, ließ sie uns ein. Nach paarmaligem Knurren entpuppte sich die Frau jedoch als gute Gastgeberin, sie kochte lecker für uns und hatte viel zu Erzählen. Clay übersetzte mir meist ins Englische. Unter anderem hörten wir hier von einer Polin, die mit ihrem zweieinhalb-jährigem Kind hier lang gekommen sein soll, von Polen aus. Ich sollte sie dann paar hundert Kilometer weiter treffen. Der Abend war jedenfalls gerettet, wir waren aufgewärmt und satt. So ging es dann auch in die Herberge, noch einige Blasenpflaster geklebt und ab in den Schlafsack.

Strecke heute: ca. 25 km, leicht, schöne Winterlandschaft, Wetter ungemütlich, nass und windig

Tag 5

Roncesvalles - Larrasoana

Nach Larrasoana verlor sich der Schnee langsam. Es wurde einer der besseren Tage, nicht regnerisch und die Sonne kam ab und an durch. Wir liefen zu dritt los, Ramon war wieder vor uns fort, ich sollte ihn nicht mehr wiedersehen, aber er wollte eh nur bis Burgos laufen, dann war sein Urlaub zu Ende. Gretel ging nach paar Stunden auch ihren eigenen Weg, sie hatte Zeit und wollte den Weg genießen. Sie schaute sich viele Kirchen an und besuchte oft den Gottesdienst. Clay und Gretel waren Christen. Ich ging also mit Clay allein die letzte Strecke Richtung Pamplona, es war sehr entspannt, wir quatschten viel. Ich verstand ihn immer besser und so verging der Tag nicht nur wegen der nur 20 km Strecke wie im Fluge. In einem Ort vor Pamplona kauften wir in einem Supermarkt Essen für den Abend ein und machten ausgiebig Rast. Darauf liefen wir in Pamplona ein, nach den zwei Tagen Natur pur, gleich etwas stressig. Die Ampeln zeigen hier die Sekunden an, wann der Fußgänger grün bekommt, gute Erfindung, meine ich.

Clay erzählte mir von den Stierkämpfen und den Sanfermines, sehr traditionell, aber mittlerweile umstritten. Er kannte sich überhaupt sehr gut mit der Natur inklusive Tieren aus. Sein Hobby war Hiking, er war schon in aller Welt mit dem Zelt unterwegs, war auch Bären begegnet, meinem Alptraum. Er meinte die schwarzen Bären seien harmlos, die braunen seien je nach Laune mit Vorsicht zu genießen, aber wenn du einen Grizzly siehst, dann gib alles, dass er dich nicht bemerkt. Mittlerweile waren wir in der schönen Altstadt von Pamplona. Ein Mann sprach uns an, er unterhielt sich mit Clay auf spanisch. Das Wichtigste übersetzte mir Clay. Er war Mathematiklehrer und war den Weg vor etlichen Jahren gegangen. Er wiederholte das schon oft Gehörte: Der Weg habe sein Leben verändert. Clay erwähnte, dass ich am 15.1. in Santiago sein wollte. Er meinte, das wird hart, aber wenn ein Deutscher was wolle, würde er es tun. Ich bedankte mich für so eine optimistische Einschätzung, aber auch Ramon hatte mir schon nach der ersten Etappe versichert: You are very strong, you'll make it.

Durch das Gespräch bemerkten wir kaum, wie wir Pamplona schon wieder verließen. An der Uni vorbei ging es einen bequemen Weg nach Cizur Menor. Wir fanden die Herberge dort schnell und gerade recht, es begann wieder zu regnen. Eine freundliche ältere Dame war die Hospitalera und sie führte uns in eine komfortable Unterkunft. Endlich mal richtig Aufwärmen und Klamotten trocknen. Nach dem Einrichten, gingen wir noch paar Dinge kaufen, mittlerweile war auch Gretel angekommen. Clay kochte irgendein leckeres einheimisches Gericht und ich wusch wieder ab. An dem Abend unterhielten wir uns sehr viel, die Hospitalera kam noch hinzu und erzählte interessante Dinge. Angefangen vom optimalen Binden unserer Schuhe bis zu besonderen Tipps auf dem Weg, sie hatte eine Menge Erfahrung. Auf den Brücken habe der Camino besondere Energie, man sollte dort länger verweilen. Ich finde solche Aussagen zwar meist nicht logisch nachvollziehbar, aber wo ich nicht das Gegenteil beweisen kann, akzeptiere ich es. So lief ich zukünftig wirklich langsamer, wenn der Weg über Brücken verlief.

Clay und Gretel massierten sich gegenseitig die Füße, boten es mir auch an, aber das war mir dann doch etwas zu nah. Die Beiden hatten irgendeinen inneren Frieden und eine Gelassenheit, die mir völlig fehlten. Wir tauschten noch unsere Kontaktdaten aus, denn am nächsten Tag werde ich mal größere Etappen laufen müssen, sonst kann ich den Zeitplan nicht halten. Wir sahen uns dann auch den nächsten Morgen das letzte Mal. Noch hatte ich mich zurückgehalten, denn ich war gewarnt, wer am Anfang zu ehrgeizig ist, stürzt hier sehr schnell ab.

Strecke heute: ca. 21 km, leicht, schöne grüne Landschaft, Wetter angenehm, meist trocken, teils sonnig

Tag 6

Cizur Menor - Estella

Daß ich dann dennoch zu zeitig die Etappen verlängert habe, sollte mir dieser Tag zeigen. Nach dem Frühstück und einer herzlichen Verabschiedung, lief ich vor den Beiden los. Bis zum Alto de Perdon verschonte mich noch der Regen, aber danach goß es ununterbrochen. Nach einer kurzen Pause auf dem markanten Camino-Berg spürte ich, wie mir beim Abstieg die Füße schmerzten. In Puento la Reina hätte ich Herberge nehmen können, aber ich wollte noch nach Lorca. In St. Jean hatte ich ein Herbergsverzeichnis erhalten, auf dem angeblich alle im Winter offenen Herbergen stünden. "toute l'annee", ganzjährig, stand dann da. Ein Trugschluß, der meinen ganzen Plan über den Haufen warf. Mit schmerzenden Füßen und durchnäßt kam ich in Lorca an. Man ließ mich nicht ein, eine private Feierlichkeit war angesagt in der Herberge. Selbst nachdem ich nach einer Garage oder einem Heuschober zum Schlafen fragte - keine Chance.

Hier hatte ich es richtig satt, denn mir war bewußt, die nächste Herberge wird 10 km weiter in Estella sein. Normal kein Problem, aber ich war "leer" und es schmerzte alles. Ich pausierte kurz und dachte über Alternativen nach. Es gab keine, Pensionen und Hotels, sofern vorhanden, waren in der Vorweihnachtszeit ausgebucht. Zudem wollte ich nur in Herbergen bleiben und bei Privatpersonen nach einer übernachtung zu fragen, war wider meine stolze Natur ;-). Also schleppte ich mich weiter, paar Müssliriegel hatte ich noch zu mir genommen. Im Regen, an einer Fernverkehrsstraße entlang, kam ich dann irgendwie in paar Vororte von Estella. Viel bekam ich nicht mehr mit. Ich muß so ausgesehen haben wie ich mich fühlte, denn kurz vor Estella hielt eine Frau mit ihrer Tochter mit dem Auto an und fragten mich wo ich hin wollte. In die Herberge, antwortete ich und sie fuhren mich an eine Brücke, erklärten mir den Weg und wünschten noch ein feliz navitad. Es war die falsche Herberge, aber ein älteres Ehepaar führte mich dann auf mein Nachfragen zur richtigen Herberge.

Die meisten Menschen hier helfen sehr gern, merkte ich dann noch desöfteren. Am Eingang warteten noch paar andere Pilger. Die Herberge wäre geschlossen, teilte mir ein Deutscher, Steffen aus der Lausitz mit. Ein Scherz über den ich nur schwer lachen konnte, der Hospitalero war nur den Schlüssel holen. Außerdem war noch ein Uruquayer hier, Razuz, ein netter Kerl, dem ich noch öfter begegnete. Das Bild mit dem gemütlichen Beisammensein ist von Clay, er und Gretel waren einen Tag später hier und haben Weihnachten gefeiert. Im Bild ist auch Steffen und seine brasilianische Frau zu sehen. Steffen hatte Schmerzen und wollte in der Herberge noch paar Tage verbringen. Es waren viele Lebensmittel zur freien Verfügung in der Unterkunft, welche von Märkten wegen überlagerung aussortiert wurden, z.T. waren sie noch geniessbar. Aber ich besorgte mir nach der langen warmen Dusche eigene Lebensmittel im Ort und legte mich dann auch sofort nach dem Essen hin.

Strecke heute: ca. 43 km, sehr schwer, halbwegs ansprechende Landschaft, Wetter unangenehm, nass, neblig

Tag 7

Estella - Los Arcos

Gegen acht ging es nach einem ordentlichen Frühstück weiter. Ich hatte begriffen, daß ich noch nicht soweit war für größere Strecken und nahm mir nur Los Arcos als Ziel ins Visier. Zudem hatte ich mich am Abend vorher umgehört, was an Herbergen so offen ist, viel stand da nicht zur Auswahl. Am Ortsausgang traf ich Meira mit ihrem Hund Duke. Ohne große Kommentare liefen wir zusammen weiter. Meira war eine Baskin, wir benötigten lange, um eine Verständigungsart auszuhandeln. Ich konnte v.a. englisch, sie nur baskisch, kaum spanisch und englische Brocken. Es wurde ein Gemisch aus englisch-spanischen Brocken und Zeichensprache, aber wir redeten eh nicht viel. Meist lachten wir über Mißverständnisse oder sorgten uns um Duke, der ab und an kotzte. Er war ein kleiner Mischling und hatte einen Beutel auf den Rücken geschnallt. Die Lauferei war ihm wohl zuviel. Wir kamen ohne Pause in Los Arcos an, überall war es naß und tropfte von den Leitungen und Dächern. Aus den Lautsprechern plärrten Weihnachtslieder. Wir fanden nach einigem Fragen die private Herberge de Alberdo, ein abstoßendes Loch.

Meist übernachtete ich in albergues municipal, also gemeindeeigenen Herbergen, aber manchmal gab es nur private oder vereinseigene Pilgerherbergen. Diese war wieder eine der sehr viel Schlechteren. Eng, eiskalt und nix dazu. Nach der kurzen Dusche im schweinekalten Bad, nahmen wir Pilgermenü in einer gemütlichen Kneipe im Ort. Ein Radpilger war schon hier und später fanden sich noch ein mexikanisches Pilger-Ehepaar ein. Das Essen war Spitze, wenigstens was am Weihnachtstag. Wir kauften noch ein, dann ging es in zurück in die kalte Grotte. Am Abend gesellte sich auch noch Razuz dazu. Die anderen machten sich in einem Hinterzimmer den Kamin an und wollten noch etwas Weihnachten feiern. Ich hatte keinen Bock drauf, stellte mir meine Literflasche San Miguel in den Hals und ging zeitig schlafen. Die Nacht war belastend, Razuz schnarchte wie ein Wilder, die Luft in dem sehr engen Raum war untragbar und ich schlief sehr schlecht. Das ganze Gebäude klirrte und klapperte nachts, nachdem ein Sturm aufgekommen war. So war ich froh über den anbrechenden Morgen und machte mich dann auch zeitig auf die Socken.

Strecke heute: ca. 21 km, leicht, hügelige grüne Landschaft, Wetter teils teils, meist aber naßkalt

Tag 8

Los Arcos - Logrono

Vom Wetter her wurde es einer der wenigen sonnigen Tage. Auch der Weg war vom Profil her nicht schwer zu laufen. Nach Weihnachten nutzten viele Spanier die Feiertage zum Jagen. So hörte man schon früh an allen Ecken und Enden Gewehrsalven. Ab und an kam mal ein Hund gerannt, die bellten mich aber nur von Weitem an. überhaupt hatte sich meine vorherige Angst vor Hunden auf dem Weg nicht bestätigt. Die agressiveren der Spezies waren angekettet, die anderen waren meist handzahm. Nur später einmal mußten wir uns vor zwei nervenden kleinen Mischlingen erwehren. Ein Stock reicht dafür. Viele Pilger nutzten diese Nordic Walking Stöcke. Ich hatte es vor Estella probiert mit einem Stock zu laufen, aber er war mir zu nix Nutze und so ich hab ihn irgendwann weggeschmissen. Ich hatte meine Muschel am Rucksack, so war ich als Pilger zu erkennen. Nach Viana, einer ungewöhnlich gepflegten und modernen Stadt, machte ich Mittagspause. Am Feiertag hatten alle Geschäfte zu am Weg, so dass ich Verpflegung von gestern zu mir nahm.

Von hier aus sah man schon Logrono, es waren allerdings noch 10 km zu laufen. In der Vorstadt angekommen, wurde ich etwas vorsichtiger, komische Gestalten wohnten hier. Schließlich trug ich all mein Hab und Gut am Mann. Am Rande der Stadt trafen sich Zigeuner und spektakelten. Die Herberge war relativ gut ausgeschildert und dort angekommen, öffnete mir nach mehrmaligen Klingeln ein schwarzer Franzose. Er ließ mich ein und führte mich zu seinem kranken Kompagnon, der gut Englisch sprach. So erfuhr ich, daß die Hospitaleros später kamen und sie beide wegen seiner übelkeit paar Tage hier bleiben mussten. Es war warm und ganz ordentlich hier, die Duschen schön heiß und es gab eine Riesenküche mit allen Kochgeräten. Paar Stunden vergingen und da kamen gleich 4 wichtige Herbergs-Leute und stempelten und kassierten uns ab. Nach dem Einrichtungsprozedere ging ich dann nochmal in die Stadt nach was Eßbarem und fand sogar paar offene muslimische Shops, sie hatten heute keinen Feiertag.

Allerdings verkaufen diese Leute keinen Alkohol ;-(. Die Innenstadt ist dafür ganz sehenswert. Als ich zurückkam in die Herberge, traf ich Razuz und das mexikanische Ehepaar an. Ich fragte sie, wie sie denn hierher gekommen sind ohne mich zu überholen. Sie hatten den Bus genommen, soviel zur Pilgermoral. Herbergen am Camino hatten üblicherweise bis 22 Uhr offen und sind nachmittags erst nach 16 Uhr zum Einlaß bereit. Das läßt sich aber, wie alles hier in Spanien, nicht verallgemeinern. So rückte dann auch kurz vor 22 Uhr noch eine spanische Großfamilie an. Diese und Razuz machten in der Nacht so einen Schnarch-Kanon, dass ich froh war, früh um halb 8 aufstehen zu dürfen.

Strecke heute: ca. 30 km, leicht, hügelige grüne Landschaft, Wetter sonnig

Tag 9

Logrono - Najera

Hab noch in der Herberge gefrühstückt und bin dann gegen 8 aufgebrochen. Nach etlichen Kilometern ging es aus Logrono raus und wieder in die freie Natur. Es war regnerisch und trübe, weswegen ich nicht so viel über die eigentlich recht ansprechende Gegend schreiben kann. Nach einigen eher langweiligen Stunden Laufen nahm ich in Navarrete mein Mittag ein und besorgte noch Lebensmittel für den Abend. Man sollte hier immer etwas mehr besorgen, man weiß nie, was einen am Herbergsort erwartet. Im schlimmsten Fall gibt's dort gar nix, weder Bar's noch Shops. Nach dem Entzug von gestern, schleppte ich auch lieber mein San Miguel aus dem Laden mit.

In Najera fragte ich mich durch zur Herberge, ein junges Mädchen führte mich dann hin. Ach ja, ganz wichtig: Was die Frauen hier betrifft, an unsere schönen Sachsenmädchen reichen auch die Spanierinnen nicht heran ;-). Von der Herberge war ich begeistert, sehr warm, sauber, Duschen heiss und die freundliche Hospitalera sprach sehr gut englisch, sogar ein paar Brocken deutsch. Ich war der erste Pilger hier und nach meinem Bummel durch die Stadt trafen noch die 2 Franzosen von Logrono ein und zu späterer Stunde wieder die nervende Großfamilie. Der Riesen-Schlafraum war belüftet, ich konnte mal wieder alle meine Klamotten trocken bekommen und schlief hier sehr gut. Nach meinen Füßen hatte ich schon paar Tage nicht mehr geschaut, aber die Schmerzen ließen allmählich nach und die Blasen gingen bei dem Regen schon während des Laufens auf.

Strecke heute: ca. 28 km, mittelschwer, da glitschig, hügelige Landschaft, trüb, nur Regen

Tag 10

Najera - Granon

Von Najera nach St. Domingo war es sonnig und der Weg war angenehm. In Ciruena erwartete mich eine Geisterstadt mit Nobelgolfplatz. Wahrscheinlich für Reiche erbaut, war nur wenig vermietet bzw. verkauft hier. Weiter ging es durch St. Domingo mit einer sehr schönen Innenstadt um die Kathedrale. Zu dem Ort gibt es eine schöne Legende, z.B. hier nachzulesen. Hier hätte ich gern mal einen Gottesdienst besucht, aber der hatte vor meiner Ankunft grad angefangen. So lief ich nach einem kurzen Rundgang weiter bis Granon.

Die Strecke war eintönig, es war matschig und ging an Feldern und unansehnlichen Orten vorbei. In Granon war die Herberge direkt unter dem Dach einer kleinen Kirche untergebracht. Sie wurde von der Würzburger Jakobsgesellschaft betreut und aus Spendengeldern finanziert und es war eine der gemütlichsten Unterkünfte. Es war ein altes Gemäuer mit einem großen Kamin. Ethurna, die Hospitalera, empfing mich und zeigte mir alles. Sie erklärte mir, daß Abendbrot und Frühstück gemeinsam zubereitet und eingenommen werden. Alles lief hier familiär ab. Ein älterer Franzose, Radpilger, war schon hier und schlief. Er initiierte mein späteres Vorurteil, mit Franzosen ist ein schweres Auskommen auf dem Camino.

Er war arrogant und hatte ein ständiges Bedürfnis, sein ach so umfangreiches Wissen an Jeden heranzutragen. So wie sein Mund, war auch sein Schließmuskel nachts nur selten geschlossen. Eine penetrante Person. Am Abend fanden sich wieder die beiden Franzosen ein, damit hatte der Mensch paar Gesprächspartner, ich machte mich für diesen Zweck ungeeignet. Kurz vor der üblichen Ruhezeit, meist gegen 22 Uhr, fanden sich noch ein spanisches Ehepaar ein, Alfred und Jana. Sie begannen hier ihren Camino. Nach einer halbwegs geruhsamen Nacht wegen der Geräusche aus französischer Ecke, wurde am Morgen wieder gemeinsam das Essen zubereitet. Eine neue Hospitalera aus Regensburg war nachts angekommen und ich war froh wieder paar deutsche Worte wechseln zu können. Sie erklärte mir, dass die Herbergsbetreuer aller 10 Tage wechselten. Auch sie hatte eine Anreisetortur hinter sich. Rentieren in wirtschaftlicher Hinsicht kann sich so eine Herberge kaum, es gehört neben den Spenden schon eine Menge Idealismus dazu. Aber bis auf wenige Ausnahmen war dieser den Hospitaleros auf dem Weg anzumerken, sie begeisterten sich für die Sache.

Strecke heute: ca. 29 km, leicht aber matschig, hügelige Landschaft, teils sonnig, teils trüb

Tag 11

Granon - Villafranca Montes de Oca

Nach dem guten Frühstück bin ich bis Belorado durchgelaufen. Alfred und Jana liefen große Teile des Weges ein Stück vor mir. Die Strecke ging zumeist nahe einer Fernverkehrsstraße entlang, es war neblig und trüb. Das sind die Wege, wo man wenig abgelenkt wird und die seltsamsten Gedanken entwickelt. Wie auch immer, ich war zu zeitig in Belorado, einer nicht besonders ansehnlichen Stadt und bummelte danach bis Villafranca Montes de Oca. Die Knochen schmerzten zwar noch, aber ich kam schon schneller voran. So häuften sich auch die Rauch- und Trinkpausen. Essen war selten angesagt, meist kam der Hunger erst gegen Abend.

In Villafranca, einem kleinen Ort, angekommen, fand ich die Herberge schnell. Sie war offen, die junge Hospitalera kam erst gegen Abend vorbei. Ein spanischer Rechtsanwalt, Miguel Angel, war vor mir da. Er hatte in Belorado seine Pilgertour gestartet. Zusammen suchten wir später im Ort eine Einkaufsmöglichkeit. In einer kleinen Bar gab es in einem Hinterzimmer paar Dinge zu kaufen. Miguel Angel sprach wenig englisch und so hielt sich die Unterhaltung in Grenzen. Am späten Nachmittag trafen nach und nach Alfred und Jana sowie die beiden Franzosen ein. Sie kochten sich alle gemeinsam was, ich kann bei solchen Dingen wenig helfen und hielt mich da meist raus. Dabei war ich dann immer, wenn über die kommenden Routen und Herbergen gesprochen wurde. So erfuhr ich viel für meine eigene Planung, denn auf Herbergsführer und öffnungszeiten war hier kein Verlass. Nach einem lustigen Abend schlief ich hier relativ gut, die großen Schnarcher hatte ich erstmal abgehängt.

Strecke heute: ca. 27 km, leicht aber matschig, hügelige Landschaft, meist trüb, nachmittags regnerisch

Tag 12

Villafranca Montes de Oca - Burgos

Ohne Kaffee :( ging es dann im Regen den steilen Anstieg nach Villafranca rauf. Die nächste Bar war meine, nahm ich mir vor, um ein ordentliches Frühstück einzunehmen. Aber die sollte erst 13 km weiter kommen, gut, wenn man meist nicht weiß, was einen erwartet. Der Weg war naß und sehr hügelig, und den überwiegenden Teil ging es durch mehr oder weniger schönen Wald. Ich war dann auch froh in San Juan de Ortega eine offene Bar vorzufinden, was in der Jahreszeit in kleineren Orten nicht sehr oft vorkommt. Hier traf ich die vor mir gestarteten Spanier Miguel Angel, Alfred und Jana. Wir tranken Cafe con lecce und marschierten dann zusammen los. Es sollte eine Pilgergemeinschaft werden, wo alles paßte, mit Jana kam ich dann auch in Santiago an. Im strömenden Regen ging es weiter. Ich erfuhr, daß sie nicht wußten, wo sie nächtigten, in Ages oder Burgos. Doch das klärte sich schnell. In Ages die Herberge war geschlossen, ein Bewohner meinte, die Hospitaleros hätten private Probleme und wären deshalb fortgefahren. Also gen Burgos.

Es war noch weit, in Altapuerca nahmen wir unser Menu del dia ein, in einem sehr ordentlichen Restaurant. Ich genoß es, wieder Gesprächspartner zu haben, auf unsere Englisch-Dialekte hatten wir uns schnell eingestellt. Aber das Wetter bis Burgos war unangenehm, 10 km vor dem Ziel mußten wir noch eine Rast in einem Cafe machen. In der Spelunke wurde grauenhafte Volksmusik gespielt, aber wir bekamen zumindest paar Dinge auf der Heizung trocken. Beim Rausgehen bekam ich noch von einer Verwandten der zahnlosen Wirtin eine gelbe Regenkutte geschenkt. Sind alle zuvorkommend hier, leider wurde die Kutte an den nachfolgenden Tagen durch den Wind zerrissen. Der Weg in die Innenstadt von Burgos zog sich, ein Monstrum von Vorstadt war vorher zu durchqueren. Aber irgendwann eröffnete sich uns der wunderschöne Stadtkern von Burgos mit eindrucksvoller Architektur. Alfred und Jana, die den Camino zum neunten Mal liefen, fanden fast blind den Weg zur Herberge "Casa del Cubo". Diese war vom Feinsten. Absolut sauber, groß, mit zig Duschen und Betten, Internet, Trockner, Waschmaschinen. Nach der längeren Tour heute legten wir erstmal die Knochen hoch und gingen gegen Abend in die bunt beleuchtete Innenstadt.

Die Kathedrale ist gigantisch, erste Vorbereitungen für die kommende Silvesterfeier wurden hier getroffen. Miguel Angel und Jana gingen eine lokale Spezialität essen, eine Art Blutwurst mit Reis, ich dagegen holte mir paar Sachen aus einem Laden. Alfred hatte Schmerzen und blieb im Bett. Wieder zurück vom Stadtbummel, gab es Abendbrot und ein San Miguel während ich noch ne halbe Stunde online verbrachte. Danach ging es zur wohlverdienten Ruhe.

Strecke heute: ca. 40 km, schwer, matschig, hügelige bis bergige Landschaft, meist regnerisch

Tag 13

Burgos - Hontanas

Wir vier marschierten zusammen von Burgos los, nahmen dort aber noch in einem der Cafe's ein ordentliches Frühstück zu uns. Bei mir bestand es oft aus mit Schokolade gefüllten Croissants und Cafe con lecce. Die ersten 10 km spielte das Wetter mit, es war zumindest trocken. Wir erzählten sehr viel. So erfuhr ich, daß sich Jana und Alfred auf dem Camino kennengelernt hatten. Sie war Beamte bei der Stadt und er Ingenieur bei der Bahn. Beide reisten oft und überall in der Welt herum, nahmen sich aber immer wieder Zeit für den Camino. Weil er uns bis jetzt nur Gutes gebracht hat, so ihre Meinung. Beide waren Frohnaturen, aber auch Ihnen verging das Lachen auf den letzten 20 Kilometern. Der Wind peitschte und es schüttete wie aus Kannen.

Wie mir Jana später eröffnete, wollte sie an dem Tag schon fast den Camino abbrechen. Die letzten Kilometer waren schwer, die Landschaft war eintönig, das Wetter abartig. Ich fragte Miguel Angel, wo denn nun mal Hontanas mal am weiten Horizont auftauche und er deutete mir mit der Hand, daß es im Tal liegt und plötzlich auftauche. So war es dann auch, es ging einen Hang hinab und im Tal lag ein Geisterdorf wie im Film. Alles grau und braun und nix bewegte sich. Wir waren froh die Herbergstür offen vorzufinden. Aber es war eiskalt, ein Miniheizer stand im Schlafraum. Doch man ist anspruchsloser geworden, wir hatten ein Dach über dem Kopf und Essen von Burgos mitgebracht, alles andere wird schon. Wir schraubten den Heizer hoch und inspizierten die große Küche. Nach dem Duschen begannen die Drei zu Kochen, ich versprach den Abwasch zu machen. Alfred kochte leidenschaftlich gern, es gab vor allem reichlich Fleisch bei ihm. Währenddessen fand sich auch ein Hospitalero ein, von der Unterhaltung bekam ich allerdings nicht viel mit. Nur lustige Dinge übersetzte mir Alfred, wir lachten beide gern und verstanden uns hervorragend. Bei einem Bier am Abend fragte ich die caminoerfahrene Jana, ob sie mal meine Route durchschauen könne, damit ich am 15.1. in Santiago bin. Ich wußte noch nicht welche Herbergen wirklich offen hatten und ob bestimmte Strecken möglich sind. Sie paßte mir meine Etappen an und meinte, da sie auch am 15.1. in Santiago sein müsse, könnten wir zusammen laufen. Ihr wäre geholfen, da Alfred in Leon zur Arbeit heim muß und sie danach nicht allein nach Santiago pilgern müsse. Und mir, weil ich jemanden Erfahrenen dabei hätte. Es war mir nur allzu recht.

Strecke heute: ca. 31 km, schwer, hügelige Landschaft, sehr windig und regnerisch

Tag 14

Hontanas - Fromista

Nach einem Kaffee aus dem Automaten ging raus in den Regen. Es sollte heute wieder mal durchgehend regnen und auf der relativ flachen Strecke wurde der Wind sehr belastend. Erst in Castrojeriz gelang es uns ein Cafe zu finden und uns etwas aufzuwärmen. Es war sogar noch fraglich, ob wir die geplante Route gehen könnten, da einige Flüsse über die Ufer getreten waren. Aber ein Einheimischer versicherte uns, daß wir gehen könnten. Im Cafe am Heizer stehend, schaute ich fern mit meinem Kaffee in der Hand. überall hier am Weg laufen die Fernseher vom frühen Morgen an, vor allem diese soap operas. Wir warteten meist auf den Wetterbericht, aber der stimmte nur in seltenen Fällen. Jana versuchte schon während dem Laufen einen Hospitalero in Fromista, unserem Zielort, zu erwischen. Sie hatte alle Telefonnummern von den Herbergen. Aber es war niemand zu erreichen. Angerufene Pensionen erklärten uns, alle Herbergen da wären geschlossen. Unverständlich bei so einem großen Ort mit mehreren Herbergen.

Wir lachten später als wir erfuhren, sie hätten dort alles dicht gemacht, da die Hospitaleros Streß mit den Pilgern hätten. Uns war tagelang kein anderer Pilger zu Gesicht gekommen. Naja, wer will auch am Silvestertag arbeiten, ist eben alles etwas lockerer hier. Jedenfalls fand Jana dann noch eine billige private Unterkunft für uns. Aber mir wurde wieder klar, ohne Handy geht hier nix im Winter. Es waren Doppelzimmer und ich bezog eines davon mit Miguel Angel. Wir gingen abends in eine Pizzeria, auch telefonisch abgeklärt, denn es waren ja überall Feierlichkeiten heut, und machten es uns darauf in dem großen Aufenthaltsraum der Pension gemütlich. Es liefen paar spanische Sketche im TV, die mir Alfred gestikulierend nahebrachte. Wir lachten und tranken reichlich und gegen 22.30 Uhr zogen wir wegen Müdigkeit das spanische Neujahrs-Prozedere vor. Mit jedem Glockenschlag, von Alfred simuliert, wurde eine Weintraube gegessen. Dem folgten die Neujahrswünsche und der Niedergang in das Reich der Träume.

Strecke heute: ca. 36 km, schwer, hügelige Landschaft, sehr windig und regnerisch

Tag 15

Fromista - Car. de los Condes

Am Neujahrstag heute waren nur 20 km geplant, die Feierlichkeiten gestern hätten ja auch länger gehen können. Wir hatten keine Eile, nahmen gemütlich in einem Cafe ein zweites Frühstück und paar Orte später gab es dann ein sehr reichliches Pilgermenü. Meist blieben wir eine Stunde zum Aufwärmen. Auf den restlichen schnurgeraden Kilometern stoppte uns noch ein lokales Fernsehteam und wollte ein Interview. Ich drückte mich davor, ich konnte ja nur paar spanische Worte und die Interviewer sprachen kein Englisch. Meine spanischen Mitpilger übernahmen den Part ( hier bei Youtube, aber bis 6:45 vorspulen). In Car. de los Condes angekommen, bezogen wir Unterkunft in der Herberge Convento de Santa Clara. Nonnen wohnten hier.

Die Herberge war sehr groß und ganz ordentlich, hatte alles, was man brauchte. Zwei französische Brüder und paar Radpilger waren schon eingenistet. Und ich traf Klaus, einen Maurer aus der Nähe von Heidelberg. Er war glücklicher als ich, mal wieder paar deutsche Worte zu wechseln, denn er konnte kein spanisch und nur sehr wenig englisch. Am Abend ging er zum Gottesdienst, wir anderen Vier machten es uns in der Bar gemütlich. Wieder zurück, wollte ich noch meinen Rückflug über's Internet buchen, je eher, je billiger. Aber man brauchte da eine Kreditkarte. Alfred half mir mit seiner Karte aus, ich gab ihm das Bargeld. Das heißt aber nun, ich muß am 15.1. in Santiago sein, komme, was da wolle. In vergangenen Nächten dachte ich schon, ich hätte heftige Schnarcher ertragen, aber was Klaus hier produzierte, gehört unter das Waffengesetz.

Strecke heute: ca. 21 km, leicht, gerade, eintönige Strecke, teils sonnig, teils regnerisch

Tag 16

Car. de los Condes - Sahagun

Heute früh verabschiedeten wir Miguel Angel, er mußte nach Haus in seine Kanzlei. Wir machten noch ausgiebig Frühstück mit ihm, danach gingen wir auf den Weg und er zum Bus. Er war ein sehr ruhiger und angenehmer Mensch und er ließ mir seine Handschuhe und Badelatschen da. Ja, ich war wie immer, etwas schlamprig auf Reisen gegangen :) Nachdem wir den Ort verließen, meinte Alfred, ich könne jetzt die Augen schließen, es würde 20 km nur geradeaus gehen. So war es dann auch. Schnurgerader Weg, durch den Nebel links und rechts nur wenig zu sehen, wurden diese 20 km zur psychischen Tortur. Man sah kein Vorwärtskommen. Wir quatschten viel, um es kurzweiliger zu machen. Die erste geplante Bar nach 20 Kilometern hatte zu, stattdessen trafen wir die französischen Brüder völlig desillussioniert in einer Bushaltestelle an. Wir versuchten bischen Konversation, aber das war mit den Beiden nicht mehr möglich. Auf einem der vorherigen Etappen war uns schon einmal ein Franzose entgegen gekommen, genauso fertig und wild gestikulierend, da die Unterkünfte nicht so geöffnet waren, wie sie seiner Meinung nach sollten. Wir mußten jedenfalls weiter und wurden in einem Ort paar Kilometer weiter mit einem Kaffee in einer Art sozialen Begegnungstätte belohnt. Hier liefen Stierkämpfe im Fernsehen und Alfred erklärte mir das Für und Wider um dieses Spektakel. Aber nimm dem Deutschen das umweltschädliche Auto weg und man bekommt denselben Volksaufstand. Ob Tiere oder Umwelt quälen, der Mensch läßt sich seinen Spaß was kosten. Die nächsten 10 km waren ziemlich hart und auf der vergeblichen Suche nach einer weiteren Bar trafen wir Klaus wieder.

Er hatte gerade Lunch gemacht und wollte mit uns nach Sahagun. Wir liefen mittlerweile schon zügig, aber Klaus hatte einen Schritt drauf, an den wir uns nur mit Mühe gewöhnen konnten. Mit Riesenschritten und selbstgeschnitztem Pilgerstock schritt er vor uns her. Er war von Heidelberg über Frankreich bis hierher gelaufen, nur über die Pyrenäen hatte er den Zug genommen, man hatte ihm wegen des Schnee's abgeraten. 1700 km hatte er hinter sich. Bis Frankreich hatte er teils in Herbergen, teils im Zelt übernachtet, das Zelt danach aber heimgeschickt. Sein Chef gab ihm solange frei bis die Auftragslage auf dem Bau im Frühjahr wieder besser würde. Seine Motivation für diese Tour war, sein Leben wieder in geordnete Bahnen zu bringen. Da wir später auch sehr private Gespräche führten, wußte ich daß dies notwendig war. In Sahagun angekommen, schmerzten unsere Knochen von dem Ritt heute. Wir nächtigten in einer Kirche, deren Dachgeschoß zur Herberge ausgebaut war. Es war relativ angenehm hier, einzig das Duschwasser war nicht besonders warm. Abends ging es dann in eine Bar um die Ecke und Alfred führte mich an einheimische harte Getränke heran. Orujo, den starken Schnapps, gab es in verschiedensten Variationen. Mein Favorit war allerdings Calimocho, eiskalter Rotwein mit Cola. Es war wieder sehr locker, jeder gab paar Stories zum besten, eine davon sei hier erzählt, welche die Ernsthaftigkeit wiedergibt, mit der das Pilgern auf dem Jakobsweg zumindest hier in der Region behandelt wird. In Frankreich wollte ein Pilger den schönen selbstgemachten Pilgerstock von Klaus klauen. Er wurde vom Hospitalero erwischt und sofort der Herberge verwiesen. Damit nicht genug, wurde direkt in Santiago angerufen, damit dieser Pilger die Compostella nicht erhält. Kriminellen Elementen bin ich selbst nicht begegnet, mir wurde nur geraten nicht leichtfertig Wertsachen aus den Augen zu lassen und v.a. in Santiago auf Taschendiebe zu achten.

Strecke heute: ca. 41 km, psychisch schwer, gerade, eintönige Strecke, trüb, teils regnerisch

Tag 17

Sahagun - Reliegos

Wir starteten zu viert, Jana, Alfred, Klaus und ich und so blieb es auch bis Santiago, nur Alfred muß uns in Leon verlassen um zur Arbeit zu gehen. Die Strecke heute war wieder flach und eintönig, es regnete den ganzen Tag. Ich unterhielt mich lange mit Alfred, der viele meiner Interessen teilte. Er nannte seine Frau "The punisher", da sie die Kilometer der Etappen so hoch veranschlagt hatte. Denn er bekam heute enorme Fußprobleme. Eine höhere Instanz schien das zu verstehen, denn Jana fiel kurz darauf der Länge nach in einen der Bäche, die durch den vielen Regen über die Straßen liefen. Nein, wir haben nicht leise vor uns hin gelacht ;-) Da wir aber fast jeden Tag bis auf die Haut durchnäßt waren, war es weniger schlimm. Zudem waren wir schon kurz vor Reliegos. Die Herberge war in dem kleinen Ort schnell gefunden, einige Pilger waren schon hier. Jakob, ein junger Amerikaner, ihn kannte Jana von einem ihrer vorangegangenen Caminos und sie fielen sich in die Arme. Eine junge Spanierin war noch hier und die Polin mit dem zweieinhalb-jährigen Kind, von der wir schon öfter gehört hatten. Sie war eine große robuste Frau, auch das Kind sah älter aus und war kerngesund. Sie war ca. 3000 km bis hierher gelaufen, von Polen aus und wollte noch bis Murcia in Portugal.

Später, paar Herbergen weiter, fragte ich sie, warum sie den Weg ging trotz Kleinkind. Sie hatte nicht mehr an das Gute im Menschen geglaubt und wollte es suchen gehen. Auf die Frage nach ihrem bisherigen Fazit erwiderte sie mir, sie hätte es auf dem Weg schon in einigen Menschen wiedergefunden. Ich wollte noch wissen, was sie denn täte, wenn ihr Kinderwagen kaputt gänge. Sie würde die Leute nach einem neuen Wagen fragen gehen. Alles klang sehr logisch und konsequent, war aber schon etwas verwegen. Wir nächtigten alle in einem großen Raum auf dicken Matten, für den kleinen Ort war die Herberge sehr gut ausgestattet. Der Hospitalero, der nach unserem Abendessen erschien, erzählte, hier hätte auch Martin Sheen bei dem Dreh von "The way" übernachtet. Abends ging es wieder in die eine offene Bar des Ortes. Wir hatten Super-Essen und viele Calimochos. Hier hatte ich einen sehr unscheinbaren, für mich aber ergreifenden Moment. Ein sehr alter Mann mit versteinertem Gesicht saß an unserem Nebentisch. Er lachte nie und starrte vor sich hin oder in den Fußball übertragenden Fernseher. Als wir uns zum Gehen erhoben, kam er ernst auf uns zu, drückte jedem von uns die Hand, sah uns in die Augen und wünschte mit aufrichtiger Stimme einen "Buen Camino". Ich hatte für einen Augenblick das Gefühl eine tiefe Menschlichkeit zu spüren, wie auch immer diese zu definieren sei.

Strecke heute: ca. 30 km, psychisch schwer, gerade, eintönige Strecke, nur regnerisch

Tag 18

Reliegos - Leon

Es war heute Alfred's letzter Tag auf dem Camino. Sein Job wartete. Ihm war es sicher recht, denn seine Füße hatten mittlerweile Blutblasen. So gingen wir den Weg auch eher gemütlich, in Manzilla de las Mullas gab es ausgiebiges Frühstück. Die Strecke selbst war kurzweilig, aber nicht so schön. Unterwegs überholten wir die Polin und Jakob, welche vor uns gestartet waren. Sie hatten ein ordentliches Tempo drauf, trotz Kinderwagen. Kurz vor Leon hätten wir bald Klaus verloren, er lief früh immer zu schnell, wurde nachmittags aber langsamer und machte viele Pausen. In unserer Gruppe wurde nicht gewartet, es gab gemeinsam vereinbarte Pausen, keine anderen. Klaus hatte immer mal seinen eigenen Kopf, er war zu lang allein gegangen, wollte aber jetzt mit uns bis Santiago gehen. Er holte uns wieder ein und wir kamen nach Leon. Jana hatte eine billige Pension in Zentrumsnähe besorgt, da die Herberge ein Stück außerhalb liegt. Vorher ging es aber nochmal in eine Bar, Kaffee trinken.

In der Pension bezog ich mit Klaus ein Doppelzimmer, alles war ganz ordentlich hier. Wir verweilten nur kurz, um zur Kathedrale zu kommen, aber die hatte leider schon zu. So suchten wir noch ein Internetcafe zum Ausdrucken meiner Flugtickets. Danach ging es durch die Bar's, jeder nahm von uns immer eine Runde Bier und dazu gibt es hier immer Schinken (Jamon) und/oder Käsebrote gratis. Dann ging es in die nächste Bar, so war man am Ende satt. Es war allerdings sehr teuer in Leon, so daß "gratis" wohl doch nicht der richtige Begriff ist. Zudem empfand man nach den vielen ruhigen Tagen das Treiben in den Bar's eher als laut und unangenehm. Seit ich nicht mehr allein pilgere, haben sich meine Tagesausgaben verdoppelt. Die permanenten Barbesuche nötigten mich jetzt jeden Tag mein Restbudget zu berechnen. Aber mit den Dreien machte es Spass und so zickte ich auch nicht großartig rum. Wir bummelten danach noch durch die sehr schöne Innenstadt, ehe es zur Nachtruhe ging. Ich konnte sogar relativ gut schlafen, da Klaus diese Nacht durch den Innenstadt-Lärm von draussen gar nicht schlafen konnte. Sonst hätte er mich mit seinem Geschnarche wieder wach gehalten.

Strecke heute: ca. 28 km, leicht, gerade, kurzweilige Strecke, trüb, selten Regen

Tag 19

Leon - Hospital de Orbigo

Nach dem guten Frühstück in der Pension verabschiedeten wir Alfred, der gegen Mittag zum Zug mußte. War schon etwas traurig, er war mir ein guter Freund hier geworden. Für den Sommer hat er mich in sein und Jana's Haus nach Tarragona eingeladen. Es liegt direkt am Meer, da muß ich nicht lange überlegen. Wir drei machten uns dann auf den Weg, zunächst erstmal wollten wir die eindrucksvolle Kathedrale auch von innen sehen. Ein wahrlich meisterhaftes Gebäude mit einzigartigen Mosaikfenstern, hier holten wir auch unseren Stempel für den Credencial.

Danach ging es vorbei am Gaudipalast Richtung Luxushotel "San Marco", welches früher mal eine Pilgerherberge war. Es dauerte lange, bis wir aus Leon raus waren. Jana hätte sich fast verletzt, sie stolperte und fiel mit ihrem sehr schweren Rucksack auf die Straße. Aber es war noch alles dran als wir sie hochhievten, auch die Brille war noch ganz. Das Wetter meinte es heute gut mit uns, allerdings ging der Camino bis Hospital vor allem an der Straße entlang, war also nicht sehr erholsam. Wir überholten wieder Monika, die Polin, und liefen ein Stück des Weges zusammen. In Hospital de Orbigo, einem kleinen Ort, kauften wir ein, denn Bar's hatten hier alle geschlossen. Jana wollte am Abend Omelett machen. Die Herberge, ein kleines Mönchskloster war im Sommer sicher sehr gemütlich, im Winter aber eher stickig und kalt. Ein kleiner Heizer stand in dem stinkigen kleinen Schlafraum. Aber es gab warme Duschen und eine Küche. Wir halfen Jana beim Kochen und zum Abendessen fanden sich auch die Polin, Jakob und noch ein Spanier ein. Alle steuerten etwas bei. Die Spanier beschenkten am heutigen Tag ihre Kinder, es war Brauch hier einen ringförmigen Kuchen zu kaufen und jeder schnitt sich ein Stück seiner Wahl heraus. Wer eine Bohne darin findet, bezahlt den Kuchen, wer einen kleinen König findet, dem wird Glück geweissagt. Die Polin erwischte den König, die Bohne blieb verschollen :). Nach dem Essen nutzte ich noch etwas den PC hier und stellte mir danach noch mit Klaus paar Bier in den Hals. Die anderen kamen nach und nach dazu, auch ein dänisches Ehepaar, welches schon vor uns hier war. Es wurde noch ein gemütlicher Abend.

Strecke heute: ca. 32 km, leicht, gerade, kurzweilige Strecke, trüb, teils sonnig

Tag 20

Hospital de Orbigo - Rabanal del Camino

Wir hatten heute einen Super-Sonnenaufgang, die Landschaft wird wieder hügeliger und schöner. Allerdings ging es die ersten 16 km nur durch kleine Dörfer, so daß wir erst in Astorga unser Frühstück bekamen. Kurz vorher allerdings gab es einen Berg, auf dem ein junger Einsiedler eine Herberge aufbaute, die casa del los diosos. Er hatte einen Stand aufgebaut, an dem wir uns schon mal einen Kaffee ziehen konnten und etwas Obst. Alles auf Spendenbasis, aber das war Ehrensache für uns. Jana übersetzte mir später ihr Gespräch mit dem Mann. Er war durch die Welt gereist, oft auch als Pilger und sah es nun als seine Berufung an, eine Herberge für Pilger zu betreuen. Er war ein sehr positiver junger Mann und erinnerte etwas an Flowerpower und die Woodstock-Generation. Strange but very good. In Astorga dann, nach dem Päuschen, schauten wir uns die sehr schöne Kathedrale und ein weiteres Gebäude des Architekten Gaudi an. Klaus, der weniger Menschen, sondern v.a. Bauwerke fotografierte, wurde nicht mehr fertig mit der Knipserei.

10 km weiter, es ging schon straff bergan, nahmen wir ein gutes Pilgermenü zu uns. Mit vollem Magen nahmen wir auch die letzten 10 km in Angriff. Die Landschaft wurde schöner und schöner. Klaus konnte das allerdings weniger genießen, seine Fußschmerzen wurden heftiger. Er quälte sich aber noch bis Rabanal, wo wir eine gemütliche private Herberge bezogen. Ein jammernder Holländer lag hier im Bett. Jana unterhielt sich eine Weile spanisch mit ihm, schüttelte dann aber den Kopf und verdrehte die Augen. Sie übersetzte mir später alles. Er wäre schon tagelang allein gepilgert, wir wären die ersten Leute, die er traf. Er sei völlig fertig und deprimiert. Jana's Einwürfe, sie habe Leute getroffen, die aus Deutschland und Polen kamen und schon tausende Kilometer hinter sich hätten, wollte er nicht hören. Das hätte sein Selbstmitleid ins Wanken gebracht. Weichei ist der deutsche Begriff, sagte ich zu Jana und sie erklärte mir das spanische Pendant: Picha flora. Aus ihrer Zeichensprache entnahm ich eine Art Wackel-Penis :). In einer gemütlichen Küche nahmen wir dann das von der Hospitalera gekochte Abendessen zu uns. Danach saßen wir noch eine Weile vor dem Kamin und kauten Eßkastanien. Am Tonfall vermute ich erkannt zu haben, daß sich der Holländer noch mit Jana und der Herbergsmutter in den Haaren hatte. Aber Jana war taff und irgendwann wurde auch das Weichei müde. Klaus telefonierte hier sehr lange mit seiner Freundin, es gab wohl wieder mal Probleme. Er tat mir heute leid, mit seinem Leben, was nie in geruhsamen Bahnen verläuft und den Schmerzen noch dazu.

Strecke heute: ca. 36 km, mittelschwer, hügelig bis bergig, kurzweilige Strecke, trüb, teils sonnig

Tag 21

Rabanal del Camino - Ponferrada

Wir frühstückten noch in der Herberge und nahmen dann die Berge in Angriff. Der Holländer versuchte nur 1 km lang an uns dran zu bleiben, danach war er, Gott sei Dank, verschwunden. Das Wetter war herrlich, die Landschaft ein Genuß, aber es war sehr eisig hier oben. Jana erzählte uns, daß hier oben sehr schräge Vögel wohnen. Hier in der Nähe sei ein Dorf, deren überwiegend deutsche Bewohner alternativ lebten in der Form, dass sie sich selbst versorgen, v.a. vegetarisch, oft auf Marihuana sind und z.T. nackt durch die Kante liefen. Naja, bei dem Wetter hätten wir da eh nix zu schauen gehabt. So liefen wir durch bis zum Cruz de Ferro, einer hölzernen Säule, um die herum ein Kegel aus Pilgersteinen aufgeworfen wurde. Schon unterwegs hatten wir uns einen Stein gesucht, wirft man den hier mit dazu, wird einem ein Wunsch erfüllt. Wir rasteten kurz und machten uns auf den langen Abstieg. Ein unbedingter Halt mußte noch bei dem Einsiedler gemacht werden. Er hielt sich für einen Nachfolger der Templer und so sah es dort auch aus.

In einer verräucherten Hütte hausten hier drei Männer und drei Frauen, paar Hunde und Unmengen von Katzen. Wir tranken hier nen Kaffee und aßen undefinierbares Gebäck, auch hier alles auf Spendenbasis. Jana meinte später, die dürre Gestalt sähe dieses Jahr viel besser aus, die letzten Jahre wäre er nur auf Drogen gewesen. Man könne auch übernachten hier, allerdings sei es die einzige Herberge, wo man sich kleine Tierchen einfangen würde. Der weitere Abstieg war steil und ging in die Knie, aber die wundervolle Aussicht ließ uns das vergessen. Cafe's gab es keine an der Strecke, wir fanden aber einen kleinen Laden, an dem wir uns mit Eß- und Trinkbarem eindecken und einen Moment in der Sonne sitzend die Bergluft genießen konnten. In Montesecco gab es Pilgrimsdinner, ich eß im Normalfall keine Suppe, aber die hier war einmalig gut. Der Holländer saß ebenfalls hier, er hatte uns wohl überholt, während wir beim Einsiedler waren. Bis Ponferrada war es nicht mehr weit, ging allerdings nur an der Straße entlang. Die Herberge war sehr modern, alles Notwendige war vorhanden. Neben dem Holländer und uns waren noch ein paar Obdachlose hier untergebracht, eine gute Sache, finde ich. Der alte Hospitalero war etwas launisch, aber doch ganz nett. Abends ging es in eine Bar über die Straße. Klaus und ich mußten lachen, wie die Bardame die Aschenbecher leerte. Sie wurden auf den Boden gekippt. Wenn die Gäste abends fort sind, wird hier durchgekehrt, erleuchtete uns Jana.

Strecke heute: ca. 34 km, mittelschwer, bergige, kurzweilige Strecke, sonnig

Tag 22

Ponferrada - Pereje

Wir frühstückten in der Bar vom letzten Abend und durchliefen dann den Stadtkern von Ponferrada mit seiner mächtigen Burg. Weiter ging es v.a. Straßen entlang, das Wetter war ok, ab und zu kam die Sonne durch, Hauptsache mal regenfrei. In Villafranca del Bierzo nahmen wir unser Essen ein, die kleine Stadt liegt sehr schön am Fuße der Berge. Durch die Täler erreichten wir nach 5 weiteren Kilometern Pereje, ein Dorf im Wald, paar hundert Meter von der Fernverkehrsstraße entfernt. In der einen Bar konnten wir den Schlüssel für die Herberge abholen.

Wir blieben die einzigen Pilger hier, im Sommer mag diese Unterkunft auch recht schön sein, aber im Winter, naja. Es war eiskalt hier, als erstes suchten wir Holz für den Kamin im Dachgeschoß, wo sich die Schlafräume befanden. Aber das Holz war nass, selbst mit den paar Zeitungen brachten wir kein Feuer zustande. Wir probierten alles, wärmten das Holz auf dem Propangas-Kocher vor, hackten kleine Stückchen, aber es wurde nix. Selbst der mittlerweile eintreffende Hospitalero brachte den Kamin nicht in Gang. Wir gaben nach paar Stunden auf und wärmten uns in der Bar gegenüber auf. Sogar das Duschen fiel heute aus. Mittels Alkohol vorgewärmt, rutschten wir dann in unsere Schlafsäcke. Der Komfortbereich meines Schlafsackes ist mit -6 Grad angegeben, ich denke, die Temperatur in der Nacht bewegte sich in der Drehe.

Strecke heute: ca. 27 km, leicht, hügelige, kurzweilige Strecke, wolkig, teils sonnig

Tag 23

Pereje - El Cebreiro

Wir waren zeitig in der Bar zum Frühstück, wir wollten nur weg hier. Es ging die ersten 8 km wieder am Rande der Fernverkehrsstraße entlang. Nach einem Kaffee an einer Raststätte verlief der Weg dann aber langsam bergan auf kleineren Straßen. Wir durchquerten einige Dörfer und es wurde immer steiler. Unterwegs kam uns ein junger Pilger entgegen, er kam von Santiago. Es waren uns schon einige Pilger vorher begegnet, die den Weg in umgekehrter Richtung liefen, warum auch immer. Wie wir zu spät bemerkten, hatten wir eine Wegbiegung übersehen und mußten nun einen Umweg von ca. 5 km in Kauf nehmen. Das Laufen wurde immer schwieriger, der Schnee war hoch und der Wind pfiff ordentlich. Wir redeten nicht mehr viel, jeder hatte mit sich selbst zu tun. Nach einigen Stunden Kampf erreichten wir dann einen Wintersportort 5 km vor dem Ziel. Der Himmel klarte auf und es wurde noch ein herrlicher Wintertag. Wir aßen hier erstmal ordentlich und wärmten uns auf. Die letzten Kilometer zum O' Cebreiro waren gigantisch, es ging nicht ganz so steil bergan und man hatte eine wunderbare Weitsicht über die Landschaft.

Nur auf die Autos mußte man Obacht geben, es ging eine verschneite Straße hinauf. "O'" ist der galizische Artikel zum spanischen "El" erklärte mit Jana zum Namen des Berges. Wir waren auch schneller als gedacht oben auf dem Berg, der Autoverkehr von Winterurlaubern staute sich hier. Die Herberge war phantastisch, sehr groß, wunderbar warm und ordentlich. Wir ruhten uns paar Stunden aus nach der heißen Dusche und begaben uns abends in eine der Gaststätten. In der ersten fühlten wir uns nicht wohl und wir rückten in die nächste ein. Ein Riesen-Kamin machte es gemütlich, und nach einiger überredung teilten wir uns einen großen Oktopus, dazu paar Schinken-Käse-Brote. Ich esse Meeresfrüchte oder ähnliches schon mal mit, v.a. aus Neugierde, aber meine Leibspeise wird das nicht. Schnell fanden sich paar Leute aus dem Dorf, einer mit einem Dudelsack, ein anderer mit einer Trommel und sie spielten galizische Musik. Es klang sehr irisch und die Menschen begannen zu tanzen und mitzusingen. Später kam noch ein Fischer aus La Coruna hinzu, packte eine Gitarre aus und machte mit. Die Menschen gingen auf uns zu, vergewisserten sich, dass wir Spass daran hatten und unterhielten sich mit uns. Irgendwann verschwanden alle in ihre Unterkünfte und fragten, ob wir später auch noch hier seien, sie kämen wieder. Aber wir waren zu müde, um Nächte durchzufeiern. In der Herberge fanden wir weitere Pilger vor, Koreaner und ne Anzahl junger Leute. Mit Letzteren gab es dann auch etwas ärger in der Nacht, sie machten aus dem Camino eine Sauftour und krakeelten in der Nacht. Ich hörte nur ab und an Jana laut schimpfen.

Strecke heute: ca. 26 km mit Umweg ca. 31 km, schwer, bergige Strecke, wolkig, teils sonnig

Tag 24

El Cebreiro - Calbor

Die Sonne stieg auf als wir starteten. Es war elend kalt und windig. Bis zum Frühstück 8 km weiter am Alto di Ponio hatten wir noch einige Berge auf leeren Magen zu überwinden. Aber dort angekommen, erwartete uns ein warmer Kamin und der ersehnte Cafe con Lecce. Da Klaus von überall seine Freundin anrief, konnte ich diesmal nicht widerstehen und rief in dem Cafe die Mutter meines Sohnes Paul an, um zu hören, wie es ihm geht. Ich hatte es die ganze Strecke vermieden, um nicht sehnsüchtig an ihn denken zu müssen. Nach dem beruhigenden Anruf nahmen wir den langen Abstieg in Angriff. Es zog sich, langsam kamen wir alle in die Stimmung endlich in Santiago anzukommen. In Triacastella machten wir Rast in einer Spelunke, es gab nix zum Essen hier. Wir mußten uns noch 12 km weiter schleppen, dort kannte Jana eine Bar, die mit hoher Wahrscheinlichkeit offen hat. Durch etliche Dörfer, bergauf und bergab, bei trübem Wetter erreichten wir irgendwann Pintun. Wir wurden belohnt mit einem reichen Menü in einem gemütlichen Ambiente.

Aber wir waren knapp mit der Zeit. Es waren zwar nur noch knapp 2 km bis Calbor, aber es schneite heftig und wurde schon dunkel. Die Hospitalera rief schon an und wollte heim. Sie hatte Jana's Nummer, da sich Jana immer unterwegs vergewisserte, ob die geplanten Herbergen auch offen sind. überhaupt kannte sich Jana mit allen Eventualitäten auf dem Camino gut aus. Ihren ersten Camino lief sie in den neunziger Jahren. Ihre Schwester hatte schwere epileptische Anfälle und sie wollte ihr mit dem Weg und ständigen Gebeten helfen. Und es hat geholfen, meint sie. Mag man denken, was man will, ich glaub an alles, was ich nicht besser weiß. Schon am Schritt merkt man Jana an, wie weit sie schon gegangen ist. Sie läuft unheimlich zügig und braucht wenig Pausen, dafür aber viele Zigaretten ;-). Endlich angekommen, hatten wir eine kleine warme Herberge für uns. Wir bezogen unsere Betten, in den galizischen Herbergen werden auf die Matrazen eine Art dünner Bezug aufgezogen, wegen der Hygiene. Früh kommt der Stoff dann in den Müll. Nach der langen heißen Dusche und paar Büchsenbier ging es aber gleich zur Ruhe.

Strecke heute: ca. 37 km, schwer, steiler Abstieg, bergige Strecke, trübes Wetter

Tag 25

Calbor - Gonzar

Wir starteten im Dunkeln und mußten auf jeden Schritt achten, alles war vereist. Erst nach 6 km, in Sarria gab es was zum Frühstück. Auch in der Stadt, überall Eis und rutschende Fahrzeuge, nur nix anbrennen lassen so kurz vorm Ziel. Nach Sarria ging es wieder auf Waldwegen entlang, gleich am Anfang kam uns ein Riesenkerl entgegen. Er zitterte am Leib, Hände und Beine, seine Augen zuckten. Jana unterhielt sich eine ganze Weile mit ihm, während ich ihn musterte. Jana war eine sensible Seele und ich erkannte an ihrem Gesicht, daß sie etwas bewegte. Wir verabschiedeten den Pilger und sie übersetzte uns. Er war den Camino an der Küste nach Santiago gelaufen und lief momentan den Camino frances zurück. Durch Frankreich ging es dann weiter für ihn nach Rom und hinunter bis Jerusalem. Ein knappes Jahr hatte er bei seinem eingeschränkten Lauftempo eingeplant. Er hatte berufliche wie private Verbindlichkeiten hinter sich gelassen und sah nur noch ein Ziel - seine Krankheit zu heilen. Ich tippte auf die Parkinsonsche Krankheit, aber die ist ja nicht heilbar. Es gäbe zwar noch eine Form dieser Krankheit, die sich zurückbildet, das sekundäre Parkinson-Syndrom, aber vielleicht hatte er auch mit etwas ganz anderem zu kämpfen. Wenn es mir weniger gut geht, denke ich noch heute an diesen Mann, welche Hoffnung und welche Kraft er ausstrahlte. Sein Schicksal bewegte uns alle sehr.

Es war meist bewölkt heute, die Waldwege waren überflutet, unserer Schuhe waren bezeiten durchgeweicht. Unterwegs begegneten wir einem anderen Kerl, der paar Geschichten erzählte und um Geld bettelte. Später nahmen wir noch einen Kaffee zu uns in einer kleinen Bar, die von einer alten Frau und deren Tochter geführt wurde. Sie erzählte uns von dem Bettler, er lebte hier auf dem Camino. In Portomarin nahmen wir dann unser nicht ganz so gutes Pilgermenü zu uns. Die Stadt liegt sehr schön auf einem Hügel an einem großen See. Die letzten 6 km verliefen an der Fernverkehrsstraße lang, auch die Herberge in Gonzar lag an der Straße. Sie war offen, der alte Hospitalero fand sich später ein. Für das kleine Dorf war die Unterkunft sehr modern und gepflegt, wir fanden alles, was notwendig war. Allerdings gab es in dem Kuhdorf keinerlei Möglichkeit etwas Eß- bzw. Trinkbares aufzutreiben. Der Hospitalero verkaufte uns dann paar Dinge aus seinen Privatbeständen. Klaus war übel gelaunt, schon paar Tage ohne Telefon, dazu gingen jetzt noch seine Kippen zur Neige. "No te queres" (Jammere nicht) zogen wir beide ihn noch auf. Aber nach paar Büchsenbier fand sich dann bei uns Dreien die Bettschwere ein.

Strecke heute: ca. 35 km, mittelschwer, hügelige, aufgeweichte Strecke, trübes Wetter

Tag 26

Gonzar - Melide

Von früh weg ohne Essen, Kaffee und Kippen, starteten wir im Dunkeln schon mit mieser Laune. Um noch eins draufzusetzen, regnete es ununterbrochen. Nur das Nötigste wurde gesprochen, in solchen Situationen entscheidet es sich umso mehr, ob man miteinander harmoniert. Nach 5 langen Kilometern stand da eine offene Bar, eiskalt war es drinnen, gab aber zumindest einen Kaffee und was für den Magen. Zigaretten verkaufen aber nur weniger Bar's, es gibt nix zu verdienen daran. Etliche regnerische Kilometer weiter war es dann soweit, Jana und ich wollten solange laufen bis wir Kippen bekämen, Klaus wollte in der ersten Bar ein Bier trinken und ausruhen. So trennten wir uns mißgelaunt an der Stelle. Jana und ich verstanden uns immer gut, egal wie hart es kam, und so marschierten wir zwei auch gutgelaunt im Regen bis Palas de Rey.

Dort machten wir ausgiebig Frühstück, kauften unsere ersehnten Rauchwaren und hielten Ausschau nach Klaus, ob er uns vielleicht doch noch nachkam. Er kam aber nicht und so zogen wir die letzten 15 km bis Melide durch. Da angekommen, mußten wir die Ersatz-Herberge suchen, die alberque municipal wurde renoviert. In einer Riesen-Turnhalle standen paar Container, das war die provisorische Herberge. Es war warm und auch sauber da, allerdings sehr voll. Die Schlafräume waren mit einer lauten Klimaanlage und starkem Lüfter ausgestattet, Nachts holte ich mir dadurch eine ordentliche Erkältung. überhaupt sind wir nach Sarria unterwegs zunehmend mehr Pilgern begegnet. Das hatte den offensichtlichen Grund, daß man die Compostella in Santiago nur erhielt, wenn man die letzten 100 km zu Fuß oder 200 km per Rad zurückgelegt hatte. So war dann auch diese Herberge voll mit Spaniern und Mexikanern. Melide selbst war bekannt wegen des Oktopusses, der hier serviert wurde. Wir suchten dann auch abends nach einer entsprechenden Gaststätte, blieben dann aber in einem Internetcafe und einer Pizzeria hängen. Zurück in der Herberge checkte Klaus gerade ein, völlig betrunken.

Strecke heute: ca. 33 km, mittelschwer, hügelige, nasse Strecke, nur Regen

Tag 27

Melide - Arca do Pino

Die Erwartung der baldigen Ankunft besserte unsere Laune und so ging es beizeiten nach einem ordentlichen Frühstück in der Bar die 33 km nach Arco do Pino (galizisch: Pedrouzo). Am Anfang nur trüb, regnete es das letzte Teilstück wieder heftig. Es ging Auf und Ab, wie mechanisch spulten wir die Kilometer bis Arzua runter. Hier gab es dann wieder mal Aufwärm-Kaffee und weiter ging es durch den Regen. 8 km vor Pedrouzo hatten wir Hunger und rückten in eine Bar ein. Die junge Frau hatte ihre Einrichtung erst geöffnet für die Saison und während sie unser Pilgermenü zubereitete, legte sie uns eine selbstgemachte Camino-DVD ein. Sie war sehr schön produziert und verstärkte unsere Sehnsucht bald in Santiago anzukommen. Wir blieben ziemlich lange bei der freundlichen Dame, sie malte uns die Stempel in den Credencial und gab uns noch kleine Abschiedsgeschenke mit.

Die letzten Kilometer gab der Himmel noch mal alles an Wasser. Es erwartete uns jedoch eine große warme Herberge, mit allem Notwendigsten versehen. Viele Pilger waren schon hier, unter anderem auch das mexikanische Ehepaar, welche ich in Los Arcos erstmals traf. Sie seien die meisten Strecken mit dem Bus gefahren, erklärten sie auf meinen überraschten Blick hin. Nach meinem obligatorischen Gang ins Internetcafe, ging es noch auf einen gemütlichen Abend in die Bar. In der Nacht zog ich mit meiner Matratze in die Küche, das Geschnarche und die Luft im Schlafsaal waren wieder einmal untragbar.

Strecke heute: ca. 34 km, mittelschwer, hügelige, nasse Strecke, nur Regen

Tag 28

Arca do Pino - Santiago de Compostella

Unsere Freude auf die heutige Ankunft wurde schnell gedämpft. In der ganzen Gegend war Stromausfall in der Nacht. Das hieß: im Dunkeln einpacken und ankleiden, kein Frühstück und die ganze Strecke bis Santiago an der dunklen Straße entlang. Klaus hatte mir zwar eine Stirnlampe geschenkt, aber sie leuchtete nur wenig aus. Wir waren extra sehr zeitig gestartet, um zur Mittagsmesse in der Kathedrale zu sein. Einzig die Vorfreude trug uns über die ersten 10 km bis Lavacolla, es ging permanent eine vielbefahrene Fernverkehrsstraße entlang, ständige Vorsicht war angesagt. Im Flughafengelände von Lavacolla verliefen wir uns dann auch noch, da wir im Dunkeln ein Wegzeichen übersehen hatten. Nach einigem Suchen fanden wir den Weg wieder, wir mußten aber einsehen, daß wir die Mittagsmesse in den Wind schreiben konnten. So liefen wir nun auch gemütlicher weiter, bis irgendwann eine offene Bar zu finden war. Man hatte hier ebenfalls noch mit sporadischem Stromausfall zu kämpfen, aber irgendwann gab der Automat paar Cafe con Lecce her. Uns zog es ans Ziel und nach weiteren Pausen in San Marcos und auf dem Monte do Gozo, wo der Papst ein stählernes Monument und eine Riesen-Herberge errichten ließ, ging es bergab langsam auf Santiago zu.

Wir redeten nur noch wenig auf dem langen Weg Richtung Altstadt, Erlebnisse und Anstrengungen auf den vergangenen Kilometern verdichteten sich langsam zu einem Gefühl des Stolzes und der Zufriedenheit. Vor der Kathedrale angekommen, umarmten wir uns, Jana weinte. Einige Augenblicke der Besinnung blieben, dann kam auch schon ein TV-Team mit einem stadtbekanntem Pilger, um uns zu interviewen. Den Part übernahm wieder Jana. Wir verweilten eine Weile auf dem Platz, mußten dann aber noch einige Dinge organisieren, um uns später mehr Zeit für die Kathedrale nehmen zu können. Der Pilgerweg ist sowieso erst beendet, wenn man am Grab des Apostels war. Das Wetter hatte es gut gemeint bei unserer Ankunft, es war zumindest trocken. Ein Engländer hatte sogar eine Riesenleinwand auf dem Pflaster ausgebreitet und malte die Kathedrale ab. Er sammelte Spendengelder. Im Pilgerbüro erhielten wir unsere Compostella und die Adresse einer Pension in der Innenstadt. In die Herberge konnten wir nicht, ich mußte morgen früh zum Bus um die Ecke und Jana bekam ab morgen von Alfred ein Wochenende im Luxushotel geschenkt zur Belohnung, welches gleich am Platz neben der Kathedrale stand. Alfred kam extra hergeflogen, aber ich sollte ihn nicht mehr sehen.

Wir nahmen also unsere sehr einfache Pension in Beschlag und gingen danach zur Kathedrale. Der Eingangsbereich wurde rekonstruiert, so dass wir paar einfache, eher für Touristen eingeführte Rituale wie das "Kopfstossen" wegließen. Zuerst beendeten wir unsere Pilgerschaft mit dem Besuch am silberglänzenden Sarg des Apostels Jakob dem älteren unter dem Altar. Ich hatte hier noch Versprechungen einzulösen und auch einige Wünsche, deshalb betete ich am Grab. Danach gingen wir hinter dem Altar hinauf und umarmten und küßten den Apostel. Im heiligen Jahr 2010 - der 25. Juli, der Namenstag des Heiligen Jakobus fällt auf einen Sonntag - hatten wir sogar das Glück durch die offene heilige Porte zu gehen, eine dicke Bronzetür. Wir bummelten abends durch die Altstadt von Santiago, hatten auch alle noch paar Einkäufe zu tätigen und suchten uns vor 20 Uhr eine Bar. Es sollte dann Janas Interview im ersten spanischen Fernsehen übertragen werden. So war es dann auch, eine Sendung namens "Gente" zeigte den stadtbekannten Pilger und Jana. Wir hatten am Nachmittag schon Pilgermenü gehabt, so blieb es dann bei einigen Bier, ehe wir erschöpft in unsere weichen Pensionsbetten fielen.

Strecke heute: ca. 20 km, leicht aber nervig, hügelige, nasse Strecke, trüb, teils Regen

Tag 29

Santiago de Compostella - Abreise

An meinem Abreisetag lud ich meine Freunde noch zum Frühstück ein. Wir waren schon etwas gedrückter Stimmung. Jana erwartete das schöne Hotelwochenende mit ihrem Mann und Klaus wollte noch 90 km nach Murcia. Er hatte es nicht eilig nach Haus zu kommen, ich denke, er wird nix Gutes erwarten. Beide brachten mich dann noch zum Bus, es war ein komischer Moment, Jana weinte wieder. Ich freute mich scheinbar wieder heim zu kommen, v.a. auf meinen Sohn. Der Bus brachte mich zum Aeropuerto de Santiago de Compostela, ich mußte noch 2 Stunden warten, ehe der Flug nach Palma de Mallorca dran war. Während des Fluges hatte man sehr gute Sicht, v.a. der übergang von den tiefverschneiten Pyrenäen zum Mittelmeer war beeindruckend.

In Palma hatte ich 8 Stunden Aufenthalt, ich hatte mir gedacht in die Stadt zu laufen, aber es ging kein Fußweg aus dem Flughafengelände raus. Bus oder Taxi zu fahren, weigerte ich mich, auch wenn das hier billig ist. Ich wollte laufen, es steckte drin. Es sollte aber nicht sein und so checkte ich wieder ein und verbrachte die Stunden im Flughafen. Ich lief auf und ab und gönnte mir ab und zu überteuerten dünnen Kaffee. Eine ältere Aussteigerin kaute mir paar Stunden das Ohr ab mit ihren Erlebnissen hier auf Palma. Gegen Abend gingen mehrere Flüge nach Deutschland und es fand sich nach und nach der Prototyp des deutschen Mallorca-Urlaubers ein. Mich graute schon vor dem Flug. Zurecht, meine Maschine wurde vollgepropft mit krakeelenten Stimmungskanonen und der subjektiv größte Mensch saß neben mir. Eingeengt in meinem Bewegungsdrang landeten wir dann irgendwann im Schneetreiben in Leipzig. Mein erster Pilgerweg war zu Ende.